Filmtechnik beginnt im Kopf!

Sind Filmhelden unsere Vorbilder oder sind wir die Vorbilder unserer Filmhelden?

Star Wars prägte unsere Kultur Star Wars prägte unsere Kultur Jasenlee

Colin Stokes hielt einen TED Talk, indem er kritisierte dass der Film Star Wars unadäquate Rollenbilder für die moderne Gesellschaft liefere. Laut seiner Darstellung sei es die erste Pflicht des Kinos ein erzieherisches Mittel zu sein. Aber genau darin sehe ich etwas Bedenkliches. Wer bestimmt, was erzieherisch wertvoll ist? Etwas, das mir einfällt, ist da der Struwwelpeter. Hier wird eindeutig ohne jeden Interpretationsspielraum festgelegt, dass es verwerflich ist, Daumen zu lutschen, sich nicht zu pflegen oder in die Luft zu gucken. Ich glaube, dass es aber ein gravierender Irrtum ist, Kino nach seiner Vorbildfunktion zu bewerten. Die Tendenz die hier herauszulesen ist, ist weitaus problematischer, als man zunächst annehmen würde. Wenn Filme kritisiert werden, weil sie moralisch falsche Inhalte liefern, so befinden wir uns auf direkter Ziellinie zu Sittenwächtern, Zensurbehörden und Institutionen wie der amerikanischen "legion of decency". Kunstfiguren sollten niemals Vorbildwirkung haben. Kunstfiguren sind ein kultureller Reibebaum, eine Referenzmarke, an der sich der Diskurs entzünden soll. Es darf keine eindeutige Handlungsvorschrift enthalten sein. Wenn ich mich entscheide, Star Wars als Darstellung des inneren Kampfes meiner inneren Institutionen gegeneinander zu verstehen, so kann mir niemand dieses Recht nehmen. Und wenn jemand diesen Film als frauenfeindlich sieht, so darf er dies auch artikulieren, so wie es Collin Stokes tut. Beide müssen wir Star Wars dankbar sein, dass es uns Gelegenheit gibt uns über dieses wichtige Thema auszutauschen. Wenn wir Collin Stokes' Rede aber als Aufruf verstehen, die filmische Landschaft durch weitere Darstellungsformen zu bereichern, so kann ich dem nur zustimmen. Wenn daraus neue, interessante Filme hervorgehen, dann wird es mich freuen.

 

Als ich ein Kind war, fühlte ich mich in dieser oberflächlichen, materiellen Welt recht verloren. Mit dem Film „Star Wars" eröffnete sich mir jedoch eine neue Welt, die am Anfang vielleicht ein bloßes Versteck vor der Wirklichkeit gewesen sein mag. Doch recht bald entfaltete ich ein großes Interesse am Kino im Allgemeinen, an den Möglichkeiten von Naturwissenschaft und Technik und auch (dank der großartigen Filmmusik von John Williams) an Musik und Kompositionslehre. Zu jener Zeit herrschte in Österreich ein langweiliges Primat des sozialen Realismus sowie todernster Verfilmungen „wertvoller" österreichischer Literatur. Über allen Wassern schwebte Siegfried Krakauer mit seinen Angriffen gegen das Kino eines Fritz Lang und alles was den Geruch des Eskapismus hatte. Filme wurden damals vor allem ihres Inhalts wegen gepriesen. Wenn ein Film Gesellschaftskritik transportierte, dann galt er bereits als gut. Völlig egal welcher Machart. Man muss sich vorstellen: Filme wie „der Schüler Gerber" oder „Sei zärtlich, Pinguin" galten als Maßstab!

Stellen wir uns nur vor, unsere lieben Moralapostel würden eine Initiative setzen, Gewalt aus den Medien zu verbannen. Die Qualität würde dabei enorm leiden, denn legen wir uns doch mal Rechenschaft ab: Unterhaltung, die Konflikt vermeidet, was ist das? Da fällt mir sofort der Musikantenstadl ein.
Andererseits, wenn ich an Shakespears Hamlet denke: was für ein Gemetzel!

Man kann über die kommerzialisierte, kapitalistische westliche Welt sagen was man will, aber in puncto Freiheit der Kunst fühle ich mich am besten aufgehoben. Es gibt kaum einen amerikanischen Spionagethriller, bei dem nicht der amerikanische Geheimdienst als Bösewicht auftritt. Stellen wir uns das einmal bei einem chinesischen oder iranischen Film vor! Ja, auch da ist der amerikanische Geheimdienst der Böse. Nicht ganz zu Unrecht. Aber ein chinesischer Film mit einem bösen chinesischen Geheimdienst?

Worauf ich hinaus will ist, dass das Kino keine moralische Anstalt ist (wie es einst Friedrich Schiller vom Theater gefordert hat). Das Kino ist eine Welt visueller Metaphern, die nicht die Realität abbilden, sondern einen Gegenvorschlag darstellen, an dem sich die Realität reiben kann. Metaphern müssen keine Vorbildwirkung haben. Metaphern müssen lediglich unser Denken und unser Fühlen (und vielleicht auch unser Handeln) bereichern. Moral ist etwas, das man selber tut. Moral ist nichts, was man fordert. Und Moral ist schon gar nicht, was einen Film ausmacht. Go, Tarantino, go!

Ip Wischin

Ippolit Wischin
media expert
Vienna Filmcoach

office@vienna-filmcoach.at

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