Filmtechnik beginnt im Kopf!

Ideen sind Scheiße

Wenn man nur oft genug auf Filmfestivals war und gesehen hat, wie sich bestimmte Muster bei Anfängerfilmen immer wiederholen, so kommt man bald zu dem Schluss, dass die schlechten Filme vor allem an einem Manko leiden: Sie wollen partout Vehikel für eine Idee sein. Das heißt, es ging dem Filmemacher oder der Filmemacherin gar nicht darum, einen guten oder wertvollen Film zu machen, sondern zu beweisen, dass er oder sie „gute Ideen“ hat. Ähnliche Herangehensweisen in anderen Künsten führen zu ähnlich lächerlichen Resultaten. In der Musik würde das bedeuten, das wichtigste an einer Komposition ist die „schöne Melodie“. In der Malerei hieße das, es ist die Originalität des Motivs, die entscheidet, ob das Bild gut ist oder nicht. Im Grunde ist ja gegen eine gute Idee nichts auszusetzen, wenn sie wirklich gut ist. Oftmals ist diese angeblich so gute Idee aber nichts anderes, als eine mehr oder weniger überraschende Wendung, die zumeist so überraschend gar nicht ist. Und weil eine gute Idee in keiner Weise das Beherrschen der handwerklichen Grundlagen ersetzt, merken wir uns für den Anfang: Ideen sind Scheiße. Die Sache mit der überraschenden Wendung führt uns nunmehr zu einer ganz ganz schlimmen Anfängerkrankheit: der „Schlusspointitis".

Da ja die meisten Filme, die man von Anfängern zu sehen bekommt, Kurzfilme sind, wimmelt es da förmlich vor vermeintlichen Schlusspointen. Das größte Problem mit der Schlusspointitis besteht darin, dass sich die Filmemacher, so sehr auf den Überraschungseffekt am Schluss konzentrieren, dass sie ganz vergessen, dass der Film bis dahin - also praktisch in seiner vollen Länge - ja auch interessant sein muss. Wer braucht eine überraschende Wendung in einem langweiligen Film? Ein spannender Film mit einem lahmen Ende ist tausendmal besser, als ein langweiliger Film mit einem unerwarteten Ende. Denken wir nur daran, wie die berühmtesten Hitchcockfilme enden: „Psycho“ endet mit einem langen Vortrag eines Psychiaters, „die Vögel“ hat praktisch gar kein Ende und „Vertigo" - Kim Novak stürzt beim Anblick einer Nonne vom Turm - hat einen Schluss, der mehr als an den Haaren herbei gezogen ist. Das ändert aber nichts daran, dass diese Filme zum Besten gehören, das in der Filmgeschichte erreicht wurde. Ein guter Schluss ist in Wahrheit nichts anderes, als einfach im richtigen Moment aufzuhören. Ein Film wie „Pulp Fiction“ ist eine non lineare Verkettung großartiger Momente, die überhaupt nicht auf einen Schlusspunkt abzielt. Darum liebe Filmemacher merket auf, die folgende Regel könnt Ihr euch hinter die Ohren schreiben:

 

Das „Wie“ ist wichtiger als das „Was“!

 

Wenn wir uns ein Gemälde, das einen Apfel darstellt, ansehen, so beurteilten wir das Bild nicht nach dem Apfel, sondern nach der Art und Weise, wie der Apfel auf die Leinwand übertragen wurde. Mit dicken, groben Strichen? Schwungvoll, fast abstrakt? Streng konstruiert? Das sind die Fragen, die wir uns auch bei einem Film stellen sollten. Eine Schießerei in einem Tarantino Film ist etwas ganz anderes als eine Schießerei in einem beliebigen Krimi. Warum? Weil eine Schießerei in einem Film von Tarantino zugleich einen Sinn hat, etwas Sinnvolles transportiert und von Charakteren ausgetragen wird, die sehr treffend charakterisiert wurden. In den meisten herkömmlichen Filmen ist das nur eine sinnentleerte Ballerei. „Ja,“ wird nun der Anfänger sagen. „Wenn das Was gar nicht so wichtig ist, was gibt es denn dann für einen Anfänger überhaupt zu lernen? Oder gibt es für das Wie auch Regeln?“ - Natürlich gibt es Regeln. Sie sind die Grundlage des Handwerks. Die Kunst beginnt erst, wenn man die Regeln so verinnerlicht hat, dass man sie getrost hinter sich lassen kann. Die meisten Regeln, die von berühmten Drehbuchtheoretikern verbreitet werden, sind aber rein formalistischer Nonsens. Dreiaktige Strukturen mit ganz bestimmten Plot Points sind ein Korsett, das mehr beengt als nützt. Kein Film von Tarantino hält sich daran. Viel wichtiger sind die Regeln, die das menschliche Verhalten beschreiben.

 

"Ich würde jedem, der Regisseur oder Autor werden will, empfehlen, nicht Regie oder Drehbuch zu studieren, sondern sich in einer Schauspielschule einzuschreiben. Alles, was ich übers Schreiben weiß, habe ich beim Schauspiel gelernt. Auch was die Kamera angeht, lernt man, wie man auf- und abtritt, wie man sich innerhalb eines Ausschnitts bewegt, und all diese Sachen erleichtern die Arbeit als Regisseur oder Autor, aber man kriegt sie auf keiner Schule beigebracht." sagt Tarantino. Aber davon mehr das nächste mal.

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Ip Wischin

Ippolit Wischin
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