Filmtechnik beginnt im Kopf!

Wenn Filmemacher Kaufmannsladen spielen

Wenn ich in meinen Workshops den jungen Indie-Filmemachern empfehle „mach nicht den Film, den du machen willst – mach den Film, den du SEHEN willst" so ziele ich dabei vor allem auf ein Phänomen ab: junge Filmemacher imitieren die Filme, die ihnen gefallen. Dabei gehen sie nicht anders vor, als kleine Kinder, wenn sie Kaufmannsladen spielen. Bei diesem Spiel geht es nicht wirklich um den Austausch von Waren gegen Geld. Die Waren sind aus Hartplastik, das Geld ist Spielgeld.

 

Zwar benutzen die Filmemacher, die „Kaufmannsladen" spielen, echte Kameras und echte Requisiten, aber wie die kleinen Kinder, kommt es ihnen nicht so sehr auf das Endprodukt an, als wie auf das Nachspielen des Filmemacher-Gestus. „Kamera – Sound – und Action!"

Das Resultat ist meist zu vernachlässigen. Es ist ein Film, der kein Anliegen hat, der im kleinen Kreis lustig ist, weil man die Darsteller persönlich kennt. Aber für Außenstehende entfaltet der Film keinerlei Strahlkraft.

Es ist auch das gleiche Phänomen wie bei schlechter Fan Art. Der „Künstler" bemerkt gar nicht, wie schlecht sein Werk ist, weil er nur bewundert, was ihm gelungen ist, der ja sonst nur Strichmännchen zu zeichnen in der Lage war. Er sagt sich „ich habe mich hingesetzt und penibel genau das Foto meines Lieblings abgezeichnet, und das Endprodukt sieht fast wie das Foto aus". Wer den „Künstler" persönlich kennt wird vielleicht tatsächlich sagen „wow! Das hast du gezeichnet?" aber für einen Außenstehenden fehlt diese Art des Hintergrundes. Er betrachtet das Bild um seiner selbst willen und kann es daher nur als lächerlich bewerten.

 Arme Angelina!

Das könnte mir alles prinzipiell egal sein, wenn jemand Spaß daran hat, Kaufmannsladen zu spielen, so will ich ihn nicht davon abhalten. Es ist aber doch ein wenig schade um die vielen Ressourcen, um das viele Herzblut, das alle Beteiligten hineingesteckt haben.

Daher sollte sich der Filmemacher Rechenschaft ablegen, ob er sich selber seinen Film anschauen würde, wenn er nicht die Beteiligten kennen würde.

In meinen Workshops predige ich den so genannten „Thought Value" und stelle ihn dem „Production Value" gegenüber. Letzterer hat bei No-Budget Produktionen seine Grenzen. Ersterer ist grenzenlos. Es bedeutet aber, dass man gelernt haben muss, in der Filmsprache zu denken und originelle Umsetzungen zu entwickeln. Für alles gibt es mehr oder weniger leicht erlernbare Techniken, die ich mich bemühe, meinen Schülern nahe zubringen. Wenn das, was wir auf der Leinwand zeigen, keinen Sinn vermittelt, sondern pure Nachahmung ist, dann wird der Zuschauer sich sagen „das hab ich in Hollywood-Filmen schon besser gesehen".

Wenn ich ein Filmprojekt coache, so ist das erste, was ich tue, ich stelle ein paar Fragen hinsichtlich der Absichten der Autorin/Filmemacherin/des Autors/Filmemachers. Dann überprüfe ich, ob der eingeschlagene Weg, mit den Zielen übereinstimmt.

Selten sagt ein Filmemacher zu mir „ich will einfach nur Filmemacher spielen". Oft höre ich „ich will das Publikum unterhalten" oder „ich will so einen Film machen wie..."– Nun, um das Publikum zu unterhalten, muss man ihm schon einen Wert liefern. Man muss witzig, originell, neuartig – kurz: kultig – sein. Wenn man aber „einen Film wie..." machen will, so ist die Wahrnehmung als Imitat (und zwar als Billigimitat) bereits vorprogrammiert.

Immer wieder erlebe ich, wenn ich ein paar Gedanken zu einem vorgelegten Projekt beisteuere, dass sich sofort ein Aha-Effekt einstellt, der dem jungen Filmemacher/der jugen Filmemacherin hilft, den Wert seiner/ihrer eigenen Arbeit in einem neuen Licht zu sehen. Meist genügt nur ein minimaler Hinweis, damit ein Werk, das zunächst als heilloses Imitat angegangen wurde, einen eigenen starken Sinn entwickelt. Dieser Sinn kommt nicht von mir. Es ist mein Job, den Sinn in dem Projekt zu entdecken und seinem Schöpfer bewusst zugänglich zu machen. Denn es geht nicht darum, auf biegen und brechen ein Werk umzukrempeln, sondern darum, das gesamte innewohnende Potenzial freizulegen. In diesem Sinne freue ich mich über den enormen Zulauf, den ich in den letzten Jahren erfahre. Möge der Thought Value mit euch sein!

Letzte Änderung amMittwoch, 14 Mai 2014 11:00
  • Artikel bewerten
    (7 Stimmen)
  • Freigegeben in Blog
  • Gelesen 2189 mal
Ip Wischin

Ippolit Wischin
media expert
Vienna Filmcoach

office@vienna-filmcoach.at

1 Kommentar

  • Elisabeth Schabus

    Elisabeth Schabus

    Kommentar-Link Freitag, 08. August 2014 10:20

    Interessanter Vergleich "Kaufmannsladen spielen" ... das geht wohl nicht nur Filmemachern so. Und wenn man's so liest, merkt man ganz schnell, dass es wohl eigenes Hirnschmalz braucht, damit welches Projekt auch immer wie geschmiert läuft. Herzlichen Dank für all die wertvollen Einblicke.

Schreibe einen Kommentar

Achten Sie darauf, die erforderlichen Informationen einzugeben (mit Stern * gekennzeichnet).
HTML-Code ist nicht erlaubt.

Nach oben

Kontakt

Ippolit Wischin
media expert
Vienna Filmcoach

Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Follow me on Facebook

Ausrichtung

Der Filmclub Vienna Filmcoach ist ein Club zur Anhebung des Niveaus der heimischen und internationalen Filmszene im Bereich “Unabhängige Filmemacher”. Gefördert werden sollen vor allem neue, in der österreichischen Filmlandschaft unübliche Konzepte. Dabei wird ein sachlicher, ingenieurhafter Zugang zur Kunst aufgezeigt. Der Club wird von der Firma Ip Wischin e.U., einer P.R.- und Medienberatungsfirma, betrieben (www.ipwischin.at).