Filmtechnik beginnt im Kopf!

So, du willst also einen Kultfilm machen?

Ip Wischin an der FH Vorarlberg Ip Wischin an der FH Vorarlberg Vienna Filmcoach

Jeder Tag begegnen mir junge, ehrgeizige Filmemacher, die in die Fußstapfen großer Regisseure treten wollen, die vielleicht sogar die großen Werke der Filmtheorie studiert haben, die aber immer dann, wenn es darum geht, im Rahmen eines Filmprojekts mutige und bahnbrechende kreative Entscheidungen zu treffen, kläglich versagen. Die Frage, wie man von den großen Filmemachern lernt, ohne sie zu kopieren, hat mich lange Zeit beschäftigt. Warum ist es so verdammt schwer einen guten Film zu konzipieren, wo doch jeder einen guten Film erkennt, wenn er ihn sieht? - Einerseits.

 

Andererseits: Glaubt irgendjemand, man werde ein guter Koch, wenn man nur lang genug leckere Sachen isst? Bei Film scheint das irgendwie anders zu sein. Man traut sich eher zu als filmischer Laie einen guten Film zu machen, denn zum Beispiel als reiner Musikkonsument eine Symphonie komponieren können. Film wird gerne als reproduzierende Kunst betrachtet, wobei den reproduzierenden Teil ein Apparat übernimmt. Film ist für viele scheinbar nur ein Arrangieren von Wirklichkeitshäppchen – etwas das ein wenig Geschmack und Feinsinn, aber doch keinerlei Virtuosität benötigt. Und selbst wenn Virtuosität auch bei der Filmkunst gefragt wäre, kann man denn mehrere Stunden am Tag Film üben, so wie ein Pianist an seinem Instrument? Intuitiv war ich immer schon davon überzeugt, dass Film um nichts banaler und einfacher zu erlernen ist als jede andere Kunst. Ich habe sehr viele Bücher über das Drehbuchschreiben, das Regieführen, die Bildgestaltung und Camera Acting gelesen, aber bei all dem Wissen, das mir vermittelt wurde, fehlte mir zwischen den Regeln, Ratschlägen und Disziplinen der tiefere Zusammenhang. Mich haben immer die Filmemacher besonders inspiriert, die die dramaturgischen Regeln ihrer Zeit - so wie sie an den Filmakademien gelehrt werden - völlig missachtet haben. Hitchcock zum Beispiel. Er hat sich niemals an die Ratschläge der Dramaturgen gehalten. Irgendwie fand er immer wieder zu neuen Möglichkeiten, die jedem Lehrbuch widersprachen. Deswegen interessiert mich besonders diese Herangehensweise: Film als Sprache so fundamental zu verstehen, dass man sich seine eigenen Regeln machen und sich über alles Bestehende hinwegsetzen kann. Welche Art von Wissen brauche ich, um das leisten zu können? Es muss so etwas wie „Regeln hinter den Regeln“ geben. Bei meiner Suche nach einer fundamentalen Kunsttheorie für das Medium Film wurde mir zuerst klar, was mich nicht weiter bringen wird:

Erstens: das kluge Geschwätz, das sich trefflich eignet, um einen Abend lang mit Kollegen auf allerhöchstem Niveau fachzusimpeln, das aber bei meiner Arbeit als Künstler in der Entscheidungsfindung keinerlei praktische Anwendung gestattet,
Zweitens: das Kochrezept, das den künstlerischen Akt auf einen reinen Formalismus reduziert und vor der Komplexität des kreativen Prozesses schlichtweg kapituliert hat. Folgt man solchen Rezepten, so ist das nicht nur keinerlei Garantie für ein hochwertiges Produkt – im Gegenteil: das einzige, das gewährleistet ist, ist die Mittelmäßigkeit des Ergebnisses.
Drittens: die Annahme, dass Film überhaupt keinen Gesetzmäßigkeiten unterliegt und jedes Mal neu erfunden werden muss. Denn für mich war es stets selbstverständlich, dass jede Kunst einen hohen Anteil Kunsthandwerk beinhaltet, also etwas, das ein Meister einem Schüler beibringen kann, und seien es auch nur die physikalischen Gesetze der Lichtbrechung.

Was mich daher bei meiner Suche weiter brachte und die Basis meiner Kunst- und besonders meiner persönlichen Filmtheorie werden sollte, ist die funktionale Kunsttheorie, die Kunst nicht als Selbstzweck sondern als Mittel zur Problemlösung für soziale, kulturelle oder individuelle Belange versteht. Sie gibt keinerlei formale Beschränkungen vor und konzentriert sich stattdessen auf fundamentale anthropologische Prinzipien aus der Wahrnehmungspsychologie. Es ist ein unromantischer Blick auf die Kunst, manchmal sogar ein wenig ingenieurhaft, aber – wie ich meine – hilfreich für alle, die eine eigenständige Filmsprache entwickeln wollen. Kunst hatte eben seit jeher diesen erlernbaren Aspekt, der vom Meister zum Schüler weitergegeben wird. Er bildet die Basis für den intuitiven Aspekt der nur durch die Person des Künstlers selbst verwirklicht werden kann.

Das, was als Theoriengebäude weitergegeben werden kann, erschien mir zunächst gar nicht so leicht zu definieren. Das Medium hat schon immer Intellektuelle angezogen, die sehr elaborate Regelwerke für das Medium zusammenstellten, wobei sie diese oft an einen ideologischen Anspruch knüpften. Aber waren es diese Theoretiker, die das Kino weiterbrachten? Die ersten großen Filmemacher waren Bastler und Tüftler wie Georges Méliès, der die technischen Spielereien mit einer Filmkamera ausreizte. Oder Charlie Chaplin, der durch Versuch und Irrtum über viele Jahre der Praxis eine funktionierende Filmsprache entwickelte, die im Prinzip immer noch gültig ist. Ähnlich war es beim großen Westernregisseur John Ford, der als Assistent beim Film anfing und danach als aufstrebender Jungregisseur jedes Jahr Film für Film herunterkurbelte, bis er seinen ganz eigenen Stil entwickelt hatte. Zwischen diesen einzelnen Ausnahmefiguren wächst scheinbar immer wieder das Unkraut der Nachahmung hoch. Aber damit befasse ich mich in meinem nächsten Eintrag. 

Letzte Änderung amSamstag, 14 Mai 2016 20:00
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Ip Wischin

Ippolit Wischin
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