Filmtechnik beginnt im Kopf!

Das Lamento des Filmdramaturgen

Das Lamento des Filmdramaturgen (c) Sascha Osaka

 

 
Wozu braucht es überhaupt diese obergscheiten Dreinmischer, die alles besser wissen, selber aber noch nie einen anständigen Film auf die Reihe gebracht haben? Die Filmbuchabteilungen in den Buchläden sind voll von gescheiten Anleitungen von Leuten, die scheinbar selber noch nie einen ordentlichen Film gemacht haben. Robert McKee, Syd Field, Lajos Egri sind nur die bekanntesten davon. Ist das zu rechtfertigen?

 
Ja und nein, sage ich, der ich selber Wirtschafts- und Filmdramaturg bin. Tatsache ist, dass viele filmdramaturgische Bücherschreiber auch schon viel Schaden angerichtet haben. Allen voran Blake Snyder mit seinen für mich abstoßenden Save-the-Cat-Formeln, gefolgt von Syd Fields unheilvollem Three-Acts-Paradigm, die allesamt das formelhafte Drehbuchschreiben in Hollywood befördert haben und den unwissenden Produzenten (die nicht mit dem Kopf sondern mit der Brieftasche denken) ein Mittel in die Hand gegeben haben, bombastisches Mittelmaß zu produzieren. Alle Formeln dieser Welt können dir keinen Erfolg garantieren, aber wenn du sie befolgst, dann weißt du, dass Millionen anderer Autoren das gleiche tun und du nur das eine garantiert bekommst: du spielst in der Mittelliga. Erfolg im Film Business haben aber nur die obersten 0,1 %. 
 
Ich bin in den 70ern in einem Klima aufgewachsen, das von Adorno und seinen Epigonen geprägt war. Filme mussten: politisch engagiert sein, Autorenfilme, Sozialkisten und literarisch aufgeladen. Siegfried Kracauer, Rudolf Arnheim, Béla Balázs gehörten damals zur Pflichtlektüre. Da wurde einem so viel Ethik um die Ohren geworfen, dass selbst der größte Cineast die Lust am Film verlieren konnte. 
 
Interessanterweise hatte ich dieses Problem mit den französischen Filmtheoretikern nie. Ein Henri Langlois oder André Bazin, die Mentoren des großen François Truffaut, haben mich durchaus inspiriert, während ich auf der Suche nach dem europäischen Genre-Film war. Ich ging in die USA, um dort (u.a. bei Milos Forman) Film zu studieren und kehrte mit der Erwartung heim, nun alles nötige zu wissen. Damals begann ich überambitionierte Mammutprojekte, die an ihrem hohen Anspruch scheitern mussten. Über die Jahre eignete ich mir praktisches und theoretisches Wissen an – nicht zuletzt durch eine zehnjährige Episode als Theaterregisseur und Schauspieler. Ich lernte die Schlangengrube ORF als Autor kennen, ich drehte Imagefilme und Lehrfilme. Ich eignete mir ein Wissen an, dass mir letztlich half, ein äußerst erfolgreicher Medienberater in der Welt der Großkonzerne zu werden. Was meinen Traum von der Filmregie betraf, musste ich erkennen, dass es nicht nur Fachwissen braucht, sondern dass man als Regisseur auch über die entsprechende Persönlichkeit verfügen muss. Dazu gehören Hartnäckigkeit und die Bereitschaft sich unbeliebt zu machen. Heute glaube ich, dass man zwei unterschiedliche Begabungen beobachten kann: das eine ist die Eignung zum ausübenden Künstler, das andere die Fähigkeit künstlerisches Wissen zu vermitteln. In den meisten Künsten steht es außer Streit, dass es einen handwerklichen Aspekt gibt, der von einem Lehrer an einen Schüler übertragen werden sollte. Zunächst wird die linke Gehirnhälfte des jungen Künstlers adressiert, er lernt die vielen Kunst-Prinzipien und Regeln und durch permanentes Üben bildet er in der rechten Gehirnhälfte einen hochkomplexen Meta-Algorithmus aus, der zugleich bedeutet, dass die Regeln verinnerlicht wurden und als solche vergessen werden können. Das ist es, wenn man vom Bauchgefühl spricht. Ausübende Künstler sind sich oft der Regeln, die sie befolgen gar nicht bewusst. Diese Regeln sind es aber, die ein Lehrer an einen Schüler weitergeben kann. Daher gilt meines Erachtens: Ein guter Filmemacher ist nicht notwendigerweise ein guter Lehrer. Ein guter Lehrer ist selten ein guter Filmemacher. Ein Filmemacher beherrscht einen bestimmten Stil. Ein Lehrer muss aber in allen Stilen beheimatet sein, damit seine Schüler nicht einseitig unterrichtet werden.
 
Was also kann man einem jungen Filmemacher vermitteln und auf welchem Wege geht das am besten?
 
Wie in allen Dingen so ist auch hier der goldene Mittelweg der beste. Während es die Formalisten gibt, die so wie Syd Field einfache – allzu einfache – Strukturen lehren, gibt es auf der anderen Seite die Romantiker, die behaupten, Filmkunst kann überhaupt nicht gelehrt werden. Die Wahrheit ist: es gibt schon einiges, was gelehrt werden kann, aber es ist enorm kompliziert und mit einfachen Formeln ist es nicht getan. Daher mache ich meine Schüler in 14 Abendmodulen mit den wichtigsten Werkzeugen und Prinzipien vertraut:
 
  • dem Spannungsfeld zwischen Werkstoff und Inhalt
  • den Brainscripts
  • dem Zusammenspiel von production value und thought value
  • dem paradox storytelling 
  • conflict mapping
  • Thingy scene design
  • Heldenschema und emanation tree
  • Semantic parallel worlds
  • Implizite Diegese
  • Dialogtaktiken
  • Brechtianisches Character Design
  • Die drei semiotischen Grundeffekte
  • Kuleshov Effekt
  • Etc etc
 
Dabei muss ich altehrwürdige Mythen ausräumen, wie zB dem unbedingten Glauben an die 180 Grad Regel, dem Dreiaktschema und den unsichtbaren Schnitt. 
 
Filmdramaturgie blüht im Verborgenen
 
In dem Film "The King's Speech" spielt Geoffrey Rush einen Sprachtrainer, der in einem finsteren Kellergeschoss in einer obskuren Gegend abseits des akademischen Mainstream seine Patienten mit unorthodoxen Mitteln erfolgreich behandelt. Das ist eine Figur, mit der ich mich sehr gut identifizieren kann. Mein erster prominenter Kunde, der sich in meinen Keller verirrte, war der legendäre Bockerer-Regisseur Franz Antel. Woran man sich schnell gewöhnen muss, wenn man in meinen Metier arbeitet, ist die Tatsache, dass einem nach außen hin keine Anerkennung zuteil wird. Kaum ein Filmemacher gibt gerne zu, dass er Hilfe nötig hatte. Der Dank, den sie einem unter vier Augen abstatten, mag noch so herzlich sein. In der Öffentlichkeit verlieren sie selten ein Wort über deinen Beitrag. Andererseits freue ich mich umso mehr, wenn dann doch jemand über seinen Schatten springt. Aber das ist nun einmal so: das Werk gehört seinem Autor. Der Dramaturg darf es sich niemals aneignen. Es geht nicht darum, seinen persönlichen Geschmack einzubringen sondern darum, die künstlerische Absicht des Autors handwerklich zu unterstützen. Wenn der Klient den Keller verlässt, muss sein Dramaturg das Werk wieder loslassen.
 
Bestiarium oder A Dramaturg's Nightmare
 
Zu den unliebsamsten Begegnungen in meinem Beruf gehören die mit dem
 
Self-agrandizing Questioner
 
In meinen Kursen ermutige ich die Teilnehmer, möglichst ungeniert zu unterbrechen und Fragen zu stellen. Einst hatte ein Schüler seine Frau mitgebracht, die Musiktheoretikerin war, und scheinbar dringend Aufmerksamkeit brauchte, denn sie unterbrach ununterbrochen (haha) und stellte Fragen, die in einem fast schon feindseligen Ton vorgetragen wurden. Wenn ich zum Beispiel eine sündteure Szene aus „Der Untergang des römischen Reichs“ mit einer sehr einfachen Stummfilmszene aus einem Harold Lloyd-Film vergleiche und frage, warum die einfache Szene uns emotional so viel mehr berührt als die aufwändige mit ihren tausenden Statisten, so kam sofort der Zwischenruf, es sei gar nicht fair diese Szenen miteinander zu vergleichen, weil sie aus dem Kontext gerissen seien, und zwar so, als hätte ich gerade gegen die UN-Menschenrechtskonvention verstoßen. Am Anfang habe ich noch den Fehler gemacht, auf all diese Fragen und Einwände möglichst höflich einzugehen. Ja, sie habe recht, es sind völlig unterschiedliche Kontexte, aber es handelt sich nicht um einen Wettbewerb sondern um die Veranschaulichung eines Prinzips. Als mich in der Pause eine Teilnehmerin fragte, ob ich schon einmal einen Kursteilnehmer rausgeworfen hätte, verstand sie das als persönliche Kritik, schnaubte ein paar Worte und ging. Danach war es uns allen leichter.
 
Quereinsteigender Schattenalpha
 
Inzwischen bestehe ich darauf, dass man an meinen Kursen nur teilnehmen darf, wenn man das Basismodul erfolgreich absolviert hat. Quereinsteiger haben nämlich meine gesamte bisherige Beweisführung mit Medien-Unterstützung nicht mitgemacht und beginnen dann all das wieder aufzurollen, was sie in irgendwelchen Filmbüchern gelesen haben. Da ich nicht jedes Mal wieder an den Anfang zurück gehen kann, ohne die anderen Teilnehmer zu langweilen, muss meine Antwort knapp ausfallen und ich habe es für den Rest des Kurses mit einem sehr skeptischen Teilnehmer zu tun, der davon überzeugt ist, die anderen Kursteilnehmer gehen da gerade einem selbsternannten Guru auf den Leim.
 
Kaffeehausklient
 
Manchmal meldet sich jemand, den man von früher kennt, und möchte sich auf einen Kaffee treffen. Aber es geht weniger darum, die Bekanntschaft zu erneuern, vielmehr ist es so, dass der alte Bekannte eine super Idee für einen Film hat. Da frage ich mich dann jedes Mal, ob mir das auch passieren würde, wenn ich Arzt wäre. Ob mich dann Leute anrufen und mich fragen, ob wir uns nicht auf einen Kaffee treffen können, um bei der Gelegenheit gleich über deren Magengeschwüre zu plaudern. Die Leistung, die ein Dramaturg erbringt, ist also gerade mal einen Kaffee wert. 
 
Ich-weiß-schon-alles-ich-brauch-nur-jemanden-der-mich-produziert
 
In meinen Kursen stelle ich manchmal einfache Fragen in die Runde. Etwa, wodurch beim Zuseher Empathie ausgelöst wird. Viele dieser Fragen können die Teilnehmer zunächst nicht beantworten. Dennoch ist manchmal einer dabei, der danach behauptet, er habe schon alles gewusst. Oder andere behaupten, das brauchen sie gar nicht zu wissen.  Der romantische Geniekult in Europa hat bei vielen eine Geringschätzung für den handwerklichen Teil der Filmkunst hervorgebracht. In meinen Kursen betone ich, dass ich Film wie ein Ingenieur betrachte. Film als funktionales Werkzeug, um im Zuseher ein bestimmtes Gefühl oder eine Botschaft hervorzurufen, erfordert die Kenntnis der Wahrnehmungsmechaniken. Wie daraus hohe Kunst entsteht, das ist jedermanns Privatsache. Der Romantiker aber will von Handwerk nichts wissen. Er drückt sich spontan und ungezügelt in seiner Kunst aus. Alles was er braucht, ist einen Idioten, der ihn finanziert. Ja, auch das gibt es.
 
Der angemeldete Nichterscheiner
 
Leute, die sich zu einem Workshop mit begrenzter Teilnehmerzahl anmelden, und dann 1 Stunde vorher oder gar nicht absagen und nicht erscheinen, machen mich sehr ärgerlich. Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit halte ich im Filmgeschäft für unerlässlich. Oftmals musste ich Leute, die sich für einen Kurs angemeldet hatten, abweisen, weil kein Platz mehr war… und dann wäre doch Platz gewesen.
 
Der Illoyalist
 
Es ist auch schon passiert, dass ich bei einem Filmprojekt den Geburtshelfer gespielt habe und dann, wenn das Projekt auf Schiene ist, höre ich nie wieder was von dem jenigen. Einige zufriedene Klienten haben mir auch schon gestanden, dass sie mich nur deswegen nicht weiterempfehlen, weil sie ihren Wettbewerbsvorteil behalten möchten. Ja, das hat mir tatsächlich jemand ins Gesicht gesagt. Irgendwie eh nett, aber…
 
Der Dramaturgieschnorrer
 
Einmal kam eine englischsprachige “Filmproduzentin” zu mir, die alle meine Kurse besucht hatte und dann noch Drehbuchcoaching-Stunden nahm. Sie könne aber nicht gleich bezahlen, meinte sie. Dafür ließ sie mich eine Geheimhaltungsverpflichtung unterschreiben. Ich Trottel habe das alles mitgemacht - das Geld habe ich nie gekriegt. Dann gibt es Leute, die mir etwa einen wertvollen Kunstdruck als Tauschgeschäft anbieten. Von denen habe ich auch nie wieder etwas gehört.
 
So, genug davon. Das musste mal raus!
 
Nach all diesem Gejammer freue ich mich, abschließend denen meinen Dank abzustatten, die dazu beigetragen haben, dass sich ein solides Netzwerk aus jungen und alten Filmemachern gebildet hat und ich freue mich jedes Mal über die vielen alten und neuen Gesichter, wenn wir gemeinsam in meinem Studio einen alten Filmklassiker analysieren und bis spät in die Nacht fachsimpeln und über die neuesten Filmprojekte plaudern. Was sind schon diese paar Pflaumen, über die ich mich ab und zu ärgere, im Vergleich zu euch, ihr lieben verrückten Filmfreaks!

 

Letzte Änderung amMittwoch, 01 März 2017 13:21
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Ip Wischin

Ippolit Wischin
media expert
Vienna Filmcoach

office@vienna-filmcoach.at

1 Kommentar

  • Sam Madwar

    Sam Madwar

    Kommentar-Link Samstag, 11. März 2017 08:05

    Sehr interessant und lesenswert.
    Die Aufzählung der Werkzeuge steht in ihrer deutsch/englisch-Vermischung etwas exponiert da. Kritisieren muss ich nur Brechtianisch.
    Auf englisch sagt man Brechtian, auf deutsch Brechtsch, brechtianisch ist etwa so wie Brechthafthaft, eine absurde Doppelung, die exponiert, dass der Begriff aus dem Amerkanischen übernommen und doppelt übersetzt wurde. Ansonsten würde ich alle Begriffe in die selbe Sprache übertragen, sonst bleibt der Eindruck, dass die Titel möglichst exotisch gewählt worden sind, um zu zeigen, "da müsst ihr noch viel lernen".

    Viel Erfolg mit Ihrer Arbeit.
    Herzlichst, Sam Madwar

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