Filmtechnik beginnt im Kopf!

Wie man mit Algorithmen Charaktere erfindet - Teil 2: Der Emanationenbaum

Der Emanationenbaum zu „Inglourious Basterds“ Der Emanationenbaum zu „Inglourious Basterds“ (c) Ip Wischin

 

Der englische Kupferstecher, Dichter und Visionär William Blake (den vielleicht einige durch Jim Jarmush‘s  „Dead Man“ kennen) prägte den Begriff „Emanation“ für eine fiktive Gestalt, die eine spezifische Eigenschaft einer anderen Gestalt verkörpert, damit zwischen den beiden ein Dialog möglich ist. Auf diese Weise kann ich etwa mit meiner eigenen Gier ein Streitgespräch führen. Wir kennen das Prinzip auch unter dem Namen Allegorie, wie sie etwa in den Zaubermärchen des Ferdinand Raimund auftreten. In dessen „Alpenkönig und Menschenfeind“ verlässt die Jugend in Gestalt einer knabenhaften Figur den Protagonisten, der daraufhin vom hohen Alter besucht wird, dargestellt durch einen Greis, den etwa der legendere Hans Moser auf der Bühne gespielt hat. Arbeiten mit Emanation stellt eine Technik dar, die an die Anfänge des Geschichtenerzählens zurückreicht.
 
Sehen wir uns an, wie ein Klassiker wie der erste Star Wars Film („A New Hope“) aus dem Jahre 1977 damit umgeht. Wir erinnern uns noch vom letzten Blogeintrag an meine Definition eines Filmhelden. Das ist die Figur, die zwischen den gegensätzlichen Welten - in diesem Fall Gut und Böse - vermitteln muss: Eine Figur, die beides in sich trägt. Und das ist der naive Farmerjunge Luke Skywalker. Was er noch nicht weiß, ist, dass die Prinzessin, die er retten will, von einem Bösewicht in Schach gehalten wird, der sein eigener Vater ist. Zwei Seiten schlummern in Lukes Brust. Das Streben nach dem Guten, d.h. der Überwindung egoistischen Strebens und dem Opfer für ein höheres Gut einerseits - die Lust auf Kampf, Abenteurer und Macht – oft die Wurzel des Bösen - andererseits. So sind die Prinzessin und der dunkle Lord zwei Aspekte Lukes. Und Obi-wan Kenobi und der Imperator sind wiederum zwei Seiten Darth Vaders. Und während die Ideale der Prinzessin der galaktischen Rebellion gehören, widmet sie ihren weiblichen Körper Han Solo, einem galaktischen Kriminellen. Der wiederum zeigt seine menschliche Seite im Umgang mit haarigen Monstern wie Chewbacca, während er gegenüber Kopfgeldjägern und Häschern wie Greedo den Kriminellen raushängen lässt (immerhin hat er zuerst geschossen). 
 
Das Prinzip ist einfach: damit ich verstehe, was sich im Inneren einer Figur abspielt, kann ich einen “voice-over-Monolog” über die fragliche Sequenz legen, was eine eher billige Lösung ist -, ich kann aber auch Figuren erschaffen, die den Positionen entsprechen, für oder gegen die sich die zentrale Figur entscheiden muss. Klassisches Beispiel: Engel und Teufel. Im Film “National Lampoon’s Animal House” (zu deutsch “Ich glaub mich tritt ein Pferd” - ja, eine meisterliche Übersetzungsleistung!) gibt es eine Stelle, in der Tom Hulce (der Amadeus aus “Amadeus”) in Versuchung gerät, sich über ein ohnmächtiges Mädchen herzumachen. Seine Skrupel werden auf bewußt plakative Weise dargestellt. Hulce tritt in Form zweier Homunkuli in Engels- bzw. Teufelskostüm, die je eine seiner Schultern besetzen, auf und appeliert an sich selbst die Gelegenheit zu nützen, respektive sich anständig zu verhalten. 
 
Etwas subtiler geht das bei Tarantinos “Inglourious Basterds”: die zentrale Figur, die von beiden Welten etwas in sich trägt, ist Shoshanna Dreyfus, die nach außen hin das Kino betreibt, in dem ein furchtbarer Nazi-Propagandafilm seine Premiere erleben soll, wo aber zugleich unter ihrer Mithilfe Hitler ermordet werden soll. Sie trägt viele Motive in sich, die alle in Form von Emanationen mit ihr in sichtbare Beziehung treten. Wesentliches Motiv ihrer Handlungen ist die traumatische Erfahrung, die ihr der Judenjäger Hans Landa beigebracht hat. Dem gegenüber steht ihr Wunsch nach Rache, prominent personifiziert durch Aldo und seine Basterds. Ihre Affaire mit dem Nazionalsozialismus repräsentiert der charmante Kriegsheld Zoller, der ihr den Hof macht, während der Filmstar von Hammersmark ihr Doppelspiel personifiziert. Und natürlich haben Hitler und Churchil keine geringe Bedeutung in diesem Spiel der Kräfte. Wenn Figuren beliebig und austauschbar in einem Film eigesetzt werden, dann merkt man das als Zuschauer. 
 
Im letzten Star Wars Film “Jedi - das Letzte!” (oder so) haben wir es mit einem absolut sinnlosen Emanationenbaum zu tun. Die Nerdkultur kanibalisert sich gerade, indem die Inhalte scheinbar immer mehr auf das Wunschdenken einer bestimmten politischen Klasse zugeschnitten werden. Sowohl die neueste Star Trek Serie als auch Star Wars haben ihren mythologischen Sinn verloren. Während die Sagengestalten der alten Griechen, Germanen, Inuit etc. aber auch die Figuren eines Tolkien, Kafka oder auch noch eines George Lucas Manifestationen kultureller Befindlichkeiten sind, entspringen Figuren wie Rey in Star Wars einer verordneten Denke. Es geht nicht mehr um die Frage, was es mit dem “weiblichen Prinzip” auf sich hat - ja ein solches darf ja gar nicht mehr postuliert werden - es geht jetzt darum, wie die Gesellschaft Frauen zu sehen hat. Nicht mehr kämpfen ewige Prinzipien in Göttergestalt um die Vorherrschaft, etwa wenn Mars und Venus darüber streiten, wer mehr Unheil anrichten kann, jetzt geht es nur noch um die Oberfläche, an der in Leuchtschrift verschiedene Postulate aufleuchten, die nichts weniger als Propaganda sind. Filmemacher, die da nicht mitmachen, werden in Hollywood schnell arbeitslos. 
 
Wenn ich also am Anfang eines Drehbuch–Projektes stehe und mich frage, welche Figuren in meiner Geschichte eine Rolle spielen werden, dann kann ich damit beginnen zu definieren, welche gegensätzlichen Kräfte in meiner Geschichte wirken. Sagen wir, es wäre nicht das klassische Gut gegen Böse sondern ein Generationenkonflikt: Alt gegen Jung. Dann wäre die zentrale Figur aus dramaturgischer Notwendigkeit jemand, der zwischen den Generationen steht. Jemand, der gezwungen ist, die Kluft dazwischen zu überbrücken. Vielleicht ein Altenpfleger, der einem Sterbenden helfen will, sich mit seinen Nachkommen zu versöhnen. Sagen wir, der Alte war Kriegsverbrecher. Dann haben wir bereits einen zwei-astigen Emanationenbaum. Der Stamm: das ist die Figur in der Mitte, die deswegen am interessantesten ist, weil sie am meisten hin und hergerissen sein wird. Die Äste: auf der einen Seite der alte, der seine Angelegenheiten in Ordnung bringen bin, bevor er stirbt – auf der anderen Seite die Nachkommen, die ihm nicht verzeihen können. Aber selbstverständlich stellen auch die keine homogene Gruppe dar, weswegen sich dieser Ast weiter in gegensätzliche Positionen verzweigen kann.Wie auch immer wir weiter vorgehen, wenn wir beim Erfinden von Figuren von einem Emanationenbaum ausgehen, dann haben wir das Gefühl, dass unsere Charaktere nicht beliebig und austauschbar wirken.
 
Wie alle dramaturgischen Werkzeuge darf auch der Emanationenbaum nie zum Selbstzweck werden. Er soll vor allem eine Starhilfe sein, um den Horror Vacui zu überwinden. Wenn man seine Figuren im Lauf des Schreibprozesses kennenlernt und sie daher beginnen, eine Eigendynamik zu entwickeln, kann man getrost den Baum vergessen. Schließlich soll Schreiben ja ein intuitiv gesteuerter Prozess bleiben.
 
 
 
 
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Ip Wischin

Ippolit Wischin
media expert
Vienna Filmcoach

office@vienna-filmcoach.at

1 Kommentar

  • Sabina

    Sabina

    Kommentar-Link Donnerstag, 15. Februar 2018 13:42

    Wie immer großartig!

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