Filmtechnik beginnt im Kopf!

Blog

Blogbeiträge von Ippolit Wischin.

Was ist ein dramaturgisches Problem und wie löst man es?

Blog: Was ist ein dramaturgisches Problem und wie löst man es?

 

Ein Obdachloser versucht eine Straße zu überqueren, auf der Autos im Stau stecken. Ein besonders luxuriöser Schlitten versperrt ihm dabei den Weg, sodass er kurzerhand frech die eine Wagentüre aufmacht, über die Hinterbank rutscht, die andere Türe öffnet und so hinaus an den Gehsteig gelangt. Dort sitzt ein blindes Bettlermädchen. Sie hört das Zuschlagen der Autotüre und ist sich dessen bewusst, dass hier gerade jemand aus einem Wagen der feinen Gesellschaft ausgestiegen ist. Der Obdachlose nähert sich ihr, und sie ist überzeugt, dass es sich bei ihm um einen reichen Mann handelt. - Was sich hier literarisch einigermaßen verständlich beschreiben lässt, ist gar nicht leicht in Bildsprache umzusetzen. Was muss der Zuseher sehen, damit er versteht, was das Mädchen denkt? - Diese berühmte Szene aus dem Film „City Lights“ von Charlie Chaplin macht klar, was ein dramaturgisches Problem ist: das Übersetzen eines Gedankens in Zeichen und Handlung. Wie Chaplin dieses spezifische Problem gelöst hat, kann man hier bewundern: 

Im Gegensatz zur abstrakten Malerei, wo der Künstler mit wilden Pinselstrichen seinen Emotionen freien Lauf lassen kann, eignet sich Film nicht zum spontanen Ausdruck ungezügelter Gefühle. Der Prozess vom Gedanken bis zu den laufenden Bildern im Kinosaal ist vielschichtig und erfordert einige technische Kenntnisse. Möglicherweise möchte man den Schauspielern vor der Kamera mehr Freiraum gewähren, damit sie sich emotional entfalten können, aber eigentlich ist Film weniger ein Schauspieler-Medium (wie das Sprechtheater) sondern vielmehr die Kunst tanzender Bilder. Diese Bilder zu planen und sich im Vorhinein vorzustellen, erfordert Fantasie und Raffinesse. Was letztlich vom Filmemacher bearbeitet wird, ist das Erleben durch den Zuschauer. Er wird mit den Mitteln der Ästhetik und der Dramaturgie in seiner Erwartungshaltung und emotional-intellektuellen Disposition manipuliert. Es ist aber selbst für erfahrene Filmemacher oft schwer, die Wirkung einer gespielten Szene abzuschätzen. Um so wichtiger ist es, dass man gewisse wahrnehmungspsychologische Grundlagen kennt, auf die man aufbauen kann.

 

Nehmen wir ein weiteres berühmtes Beispiel: Hitchcocks „Psycho“ und die darin vorkommende Duschszene. Hitchcock hatte den Stoff aus einem Buch von Robert Bloch, das er im Grunde gar nicht besonders mochte, aber es enthielt ein Element, das ihn reizte, weil es ein interessantes dramaturgisches Problem darstellte: ein Mord „aus heiterem Himmel“. Die Herausforderung dabei ist, dass der emotionale Effekt - der unvermittelte Schrecken - in seiner maximalen Intensität vermittelt werden sollte. Hitchcock erzielte dies, indem er das konstruierte, was man im Englischen einen „red herring“ nennt: einen Köder, der nur der Ablenkung dient. Daraus wurde die Geschichte von den 10.000 Dollar, die Marion Crane unterschlägt, um mit ihrem Liebhaber ein neues Leben anfangen zu können. Hitchcock macht sicher, dass wir uns für den Ausgang der Geschichte interessieren, indem er einen besonders skeptischen Polizisten auftauchen lässt, der Marions Diebstahl beinahe aufdeckt. Dann aber zwingt sie anhaltender Starkregen, in einem entlegenen Motel Unterkunft für die Nacht zu suchen. Der etwas schrullige junge Motelbesitzer hat dann ein lages abendliches Gespräch mit ihr, das sie davon überzeugt, dass sie das Geld zurückbringen muss. Danach geht sie duschen.

 

Prinzipiell kann man über dramaturgische Probleme beim Film folgendes sagen: Es geht um die Visualisierung einer bedeutungsvollen Transformation, wobei die Herausforderung darin besteht, genuine Mittel einzusetzen. Mit genuinen Mitteln sind Visualisierungsmittel gemeint, die aus der Analyse des spezfischen Problems resultieren, also nicht einfach von woanders, „wo es eh so super gewirkt hat“, abgekupfert werden. Und was ist mit „bedeutungsvoller Transformation“ gemeint? Eine Art magischer Verwandlung, bei der wir Augenzeugen sein dürfen. Z.B. wennn sich der Todesstern in einen Feuerball verwandelt. Das ist nicht nur eine spektakuläre Verwandlung, sie ist auch bedeutungsvoll. Sie besagt, dass die lebensbejahenden Kräfte über eine leblose Technologie siegen können. 

 

Dramaturgische Probleme haben also mit der Sichtbarmachung von Abstraktem zu tun und deren Lösung verhilft uns zu der Möglichkeit, Gedanken und Gefühle vom Kopf des Filmemachers in den kollektiven Kopf (und das Herz) des Publikums zu senden. Die bewegten Bilder sind dabei nur Mittel zum Zweck.

 

Damit ich diese Übersetzungsleistung von abstrakten Gedanken zu konkreten Bildern erbringen kann, sollte ich stets drei Grundfragen für mich selbst beantwortet haben, ehe ich mich den Details zuwende:

 

  1. Was ist es denn überhaupt, das ich zeigen will? Je diffuser meine Gedanken, desto nebuloser meine Umsetzung!
  2. Wie lautet das Problem, um das es für den Zuschauer gehen soll? Fehlt eine klare Problemsicht, so wird sich der Zuschauer nicht angesprochen fühlen. Seine empathifähigkeit bleibt ungenutzt.
  3. Welche Polarität ergibt sich daraus? Jede gute Geschichte spielt in einem Spannungsfeld aus Gegensätzen. Entweder ist es archetypisch der Kampf Gut gegen Böse. Es können aber auch Gegensätze wie alt/jung, progressiv/reaktionär, arm/reich, mächtig/machtlos, Oberschicht/Unterschicht etc. sein. Ein starkes dramaturgisches Spannungsfeld macht es dem Dramaturgen sogleich viel leichter, Unsetzungsvorschläge zu formulieren.

 

Ich halte dieses Fragenset für elementar und habe es in aller Bescheidenheit „Ip’s Troika“ getauft. Später habe ich es als eine Art Schweizer Taschenmesser interpretiert, das bei allen dramaturgischen Überlegungen immer zuerst zur Anwendung kommen sollte.

 

Über den Umgang mit diesem und anderen Werkzeugen kann man in meinen kostengünstigen Vorträgen und Workshops mehr erfahren. 

 

http://www.vienna-filmcoach.at/filmworkshops.html

 

 

Über mich: 

 

https://en.m.wikipedia.org/wiki/Ip_Wischin

 

weiterlesen ...

Was ich über den Sommer mache

 

 

Meine kleine Filmschule macht jetzt über die Sommermonate dicht und ich werde mich nach England begeben, um bei dem großen Denker Sir Roger Scruton mein Philosophiestudium wieder aufzunehmen. Wie viele von euch wissen, habe ich eines seiner Bücher ins Deutsche übersetzt und besuche ihn regelmäßig.

 

In den letzten Jahren wurde ich zunehmend skeptisch gegenüber den wunderbaren Errungenschaften der Moderne sowie gegen all die Hässlichkeit der Postmoderne. Meine Überzeugung war immer, dass Kunst von »können« kommt und nicht von »originell um jeden Preis sein«. Betrachtet man die Sonnenblumen von Vincent van Gogh, so wird nicht der erste Gedanke sein: »oh, wie originell!« – Vielmehr wird man von der Schönheit der Farben, der Perfektion der Komposition, der eigenwilligen Pinselführung seelisch berührt sein.

 

Es gibt viel, worüber man nachdenken sollte in einem Europa der Phrasendrescher. Für mich ist es wichtig, meine eigenen Motive zu verstehen, meine Lehre auf noch festere Füße zu stellen und zu riskieren, dass ich alles noch mal von vorne anfangen muss, auch wenn ich nicht mehr der jüngste bin.

 

Ich wünsche meinen Freunden, Schülern, Brüdern und Schwestern aber auch meinen Kritikern einen schönen Sommer!

 

oikophile Grüße

Euer Ip

weiterlesen ...

Vorträge Vienna Filmcoach 2019 (Terminänderungen vorbehalten):

Der Information-Overkill bei Vienna Filmcoach hat ein Ende. Im kommenden Jahr wird es eine ganze Reihe von Änderungen geben. Die Formate werden kürzer sein, die Informationen lockerer - damit die Information Zeit hat, sich zu setzen. Keine rauchenden Köpfe mehr! Außerdem ist jeder Vortrag so gestaltet, dass ein Besuch eines Einführungsmoduls nicht mehr erforderlich ist. Ja, und damit ist jede Einheit auch günstiger: € 25,- sollte das einem schon wert sein.

 

weiterlesen ...

Vienna Filmcoach an neuer Adresse

Achtung! Ab August 2018 ist Vienna Filmcoach an einer neuen Adresse zu finden, nämlich:

 

Schönbrunner Straße 213-215, top 301,

1120 Wien

 

Dort finden wie gehabt alle Schulungen, Vorträge, Workshops und Einzelcoachings statt. Wer sich für Coachings interessiert, möge sich bei uns melden, damit wir einen Termin vereinbaren können. Das laufende Unterrichtsprogramm beginnt ab Oktober.

 

Der nächste Vienna Filmcoach-Vortrag findet am 4. August in Zürich statt. Wir wünschen einen schönen Sommer!

weiterlesen ...

Wie man mit Algorithmen Charaktere erfindet - Teil 2: Der Emanationenbaum

 

Der englische Kupferstecher, Dichter und Visionär William Blake (den vielleicht einige durch Jim Jarmush‘s  „Dead Man“ kennen) prägte den Begriff „Emanation“ für eine fiktive Gestalt, die eine spezifische Eigenschaft einer anderen Gestalt verkörpert, damit zwischen den beiden ein Dialog möglich ist. Auf diese Weise kann ich etwa mit meiner eigenen Gier ein Streitgespräch führen. Wir kennen das Prinzip auch unter dem Namen Allegorie, wie sie etwa in den Zaubermärchen des Ferdinand Raimund auftreten. In dessen „Alpenkönig und Menschenfeind“ verlässt die Jugend in Gestalt einer knabenhaften Figur den Protagonisten, der daraufhin vom hohen Alter besucht wird, dargestellt durch einen Greis, den etwa der legendere Hans Moser auf der Bühne gespielt hat. Arbeiten mit Emanation stellt eine Technik dar, die an die Anfänge des Geschichtenerzählens zurückreicht.
 
weiterlesen ...

Wie man mittels Algorithmen Charaktere schreibt. Eine Annäherung. Teil 1

Im letzten Blogeintrag habe ich über die Probleme der Schreibhemmung geschrieben und empfohlen, man möge sich dagegen wappnen, indem man mit einer klaren, über einen längeren Zeitraum hinweg eingeübten Arbeitstechnik vorgeht - und zwar so lange, bis einen die Inspiration wieder hat. Wesentlicher Bestandteil dieser Technik ist dabei ein Algorithmus, den ich ansatzweise vorgestellt und erklärt habe. Auch für das Erstellen von Charakteren für ein Drehbuch gibt es Möglichkeiten, sich über die Phase der ersten Unsicherheit mittels Algorithmen hinweg zu helfen.
 
Fangen wir mit ein paar Grundsatzfragen an.
weiterlesen ...

Was, wenn die Inspiration mich verlässt? Kleiner Ratgeber für Filmautoren

Man setzt sich voll Elan vor den Computer, um endlich das große Drehbuch zu schreiben, oder die entscheidende Schlüsselszene zu “Papier” zu bringen. Man sucht den ersten Satz… das erste Wort… Nichts kommt. Und nachdem man zwei Stunden planlos durch Facebook gesurft hat, muss man sich eingestehen: man hat wieder nichts weitergebracht. Wer ist schuld? Keine Frage: die Postmoderne. Wir leben in einem Zeitalter, da künstlerische Exzellenz nicht mehr erforderlich scheint. Beispiel Musik: Sich irgendwie kreativ austoben ist angesagt; hingegen sich in endlosem Üben wie ein Konzertpianist zu perfektionieren, überlässt man den paar elitären Schnöseln, die noch in klassischen Konzertsälen auftreten. Mir hat es sehr geholfen, dass ich 10 Jahre lang in einem kleinen Theater als Schauspieler fast allabendlich auf der Bühne stand. Manchmal hat man gute, manchmal weniger gute Tage. Aber das Publikum, das bezahlt hat, hat jeden Abend das gleiche Recht, mich möglichst in Höchstform zu erleben. 

 

Wie tue ich also, wenn ich einen miserablen Tag habe? Die Antwort wird einigen von euch nicht gefallen:

weiterlesen ...

Literatur verfilmen - ein Exkurs

„Einem spontanen Impuls folgend, vielleicht weil er neugierig war, vielleicht weil er glaubte, etwas gehört zu haben, vielleicht, weil es das Schicksal so wollte, bog er von der Gasse ab und betrat durch einen offenen Torbogen einen schummrigen Hinterhof — eine Tat, die er noch bitter bereuen sollte." Würde man diesen Satz verfilmen wollen, so wäre es in keiner Weise ausreichend, eine Figur zu zeigen, die eine Gasse entlangspaziert, plötzlich innehält, durch einen offenen Torbogen in einen Hinterhof blickt, um sodann, nach kurzem Zögern, einzutreten. Man würde zwar die äußerliche Handlung sehen, der Schauspieler wäre vielleicht auch versucht, das Innenleben der Figur durch mehr oder weniger subtile Grimassierung transparent zu machen, dennoch bliebe ein Großteil dessen, was die literarische Vorlage bietet, auf der Strecke; nämlich gerade der vielleicht wichtigste Teil, in welchem der Autor spekuliert, was die Motive des Mannes hätten sein können und die Tatsache, dass er womöglich damit das Schicksal herausforderte.

Eine rein literarisch-illustrative Vorgangsweise seitens des Dramaturgen wäre nur damit beschäftigt, die äußerliche Handlung abzubilden, ohne den Sinn und Zweck, wie er dem Autor wohl vor der Seele gestanden haben mag, auch nur entfernt in Betracht zu ziehen. Die größte Schandtat, die Filmemacher begehen können, wenn sie Worte in bewegte Bilder verwandeln, ist die, das Unsichtbare außer acht zu lassen. Es ist leicht und billig, zu zeigen, wie eine mehr oder weniger gelungene Figur einen Hof betritt. Es ist aber eine enorme Herausforderung, den Satzteil „vielleicht weil er neugierig war, vielleicht weil er glaubte, etwas gehört zu haben, vielleicht, weil es das Schicksal so wollte" zu dramatisieren, und damit meine ich nicht die andere billige Lösung: es einen Sprecher voice-over sagen zu lassen.

Wie zeigt man „Neugierde", wie „Schicksal"? Die Antwort lautet zunächst einmal jedenfalls: durch Einfallsreichtum. Denn erst hier beginnt die eigentliche Arbeit eines Filmdramaturgen. Erst ab diesem Moment, da er sich damit beschäftigt, das Unsichtbare sichtbar zu machen, erbringt er die Leistung, für die er bezahlt wird. Eine illustrative Vorgangsweise erfordert nämlich kein spezifisches Verständnis der Filmsprache.

weiterlesen ...

Das Lamento des Filmdramaturgen

 

 
Wozu braucht es überhaupt diese obergscheiten Dreinmischer, die alles besser wissen, selber aber noch nie einen anständigen Film auf die Reihe gebracht haben? Die Filmbuchabteilungen in den Buchläden sind voll von gescheiten Anleitungen von Leuten, die scheinbar selber noch nie einen ordentlichen Film gemacht haben. Robert McKee, Syd Field, Lajos Egri sind nur die bekanntesten davon. Ist das zu rechtfertigen?
weiterlesen ...

So, du willst also einen Kultfilm machen?

Jeder Tag begegnen mir junge, ehrgeizige Filmemacher, die in die Fußstapfen großer Regisseure treten wollen, die vielleicht sogar die großen Werke der Filmtheorie studiert haben, die aber immer dann, wenn es darum geht, im Rahmen eines Filmprojekts mutige und bahnbrechende kreative Entscheidungen zu treffen, kläglich versagen. Die Frage, wie man von den großen Filmemachern lernt, ohne sie zu kopieren, hat mich lange Zeit beschäftigt. Warum ist es so verdammt schwer einen guten Film zu konzipieren, wo doch jeder einen guten Film erkennt, wenn er ihn sieht? - Einerseits.

weiterlesen ...
Diesen RSS-Feed abonnieren

Kontakt

Ippolit Wischin
media expert
Vienna Filmcoach

Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Follow me on Facebook

Ausrichtung

Der Filmclub Vienna Filmcoach ist ein Club zur Anhebung des Niveaus der heimischen und internationalen Filmszene im Bereich “Unabhängige Filmemacher”. Gefördert werden sollen vor allem neue, in der österreichischen Filmlandschaft unübliche Konzepte. Dabei wird ein sachlicher, ingenieurhafter Zugang zur Kunst aufgezeigt. Der Club wird von der Firma Ip Wischin e.U., einer P.R.- und Medienberatungsfirma, betrieben (www.ipwischin.at).