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Blogbeiträge von Ippolit Wischin - Vienna Filmcoach.
Montag, 04. Oktober 2021 08:34 Uhr

Kann man aus einem schlechten Drehbuch ein gutes machen?

 

Wenn man ein Drehbuch geschrieben hat, dann tut man gut daran, es mehreren Leuten zu Lesen zu geben. Allein schon wegen der eigenen Betriebsblindheit, ist es gut, sich mehrere unterschiedliche Meinungen einzuholen. Dabei gibt es ein großes Problem: die Höflichkeit unter Freunden. Kaum einer wird es dir offen sagen, wenn er dein Geschreibsel für Mist hält. Mit ein bisschen Glück findet man aber einen Bekannten, der ehrlich genug ist, zu sagen, wenn das Drehbuch stinkt. Woran das genau liegt, wird dieser vielleicht nicht sagen können; zumindest aber, dass es vielleicht verwirrend oder langweilig oder banal oder gekünstelt wirkt, dass die Charaktere unglaubwürdig oder steif wirken, dass es viele Klischees gibt, etc. etc. – hier kommt der Skript Doktor ins Spiel. Im folgenden zitiere ich aus meinem Buch »Skript Doktor!«, das vor kurzem erschienen ist:

 

Skript-Doktoren müssen Drehbücher lesen und auf deren Schwächen hin untersuchen. Dann müssen sie Empfehlungen abgeben, wie diese Schwächen bereinigt werden können. Dabei darf Folgendes nicht passieren: Der Skript-Doktor empfiehlt, was ihm selbst gefallen würde. Im Grunde sind schlechte Filmemacher daher oft die besseren Skript-Doktoren, weil sie keinen eigenen Stil verfolgen. Ein guter Skript-Doktor erteilt seinen Rat im Dienste der objektiv besseren Dramaturgie, aber auch einer möglichst genuinen Stilentfaltung bei seinen Klienten. 

 

Mein persönliches Credo ist, dass das bloße Lesen eines Drehbuchs nichts bringt, wenn man daran herumdoktern möchte. Oft erschließt sich die Absicht des Autors aus der bloßen Lektüre nicht. Vielleicht wollte er da oder dort eine komische Szene schreiben, die aber beim nüchternen Lesen eher als bedrohlich wahrgenommen wird. Der Skript-Doktor muss den Autor an den Punkt bringen, an dem er seinen eigenen Film überhaupt erst zu verstehen beginnt. Das Problem dabei ist, dass die meisten Autoren von der naiven Perspektive aus starten, die meint, dass mit Film eine direkte Eins-zu-eins-Erfahrung in Form von geordneten Erlebnishäppchen gestaltet wird, und zwar im Gegensatz etwa zur Literatur, wo der gelesene Satz erst durch den Leser in innere Vorstellung übersetzt werden muss. 

 

Was also tut der Skript Doktor, wenn er es mit einem schlechten Drehbuch zu tun hat? Zunächst einmal wird er mit dem Autor abklären, was dessen Absicht war: Unterhaltung, Humor, Aufzeigen einer wichtigen Botschaft, Aufmerksamkeit in Künstlerkreisen etc. – Dann öffnet der Skript Doktor seinen Erste-Hilfe-Koffer und holt die nötigen Werkzeuge heraus. Dabei handelt es sich meist um analytische Fragen wie solchen nach thematischer Einheit, Deutlichkeit der Dichotomie, Lesbarkeit der Figuren, Kontinuität des Konflikts und immer wieder: wird der Gedanke des Autors adäquat in Bildsprache umgesetzt? Dabei tauchen oft Kardinalfehler auf, wie ich an einem Beispiel schildern möchte: vor einiger Zeit arbeitete ich als Skript Doktor an einem Kurzfilm. Darin wird (im Drehbuch) eine Szene geschildert, in der die Protagonistin in ihrem Zimmer sitzt und Gitarre spielt. Was er denn mit dieser Szene darstellen wolle, fragte ich den Filmemacher (das Drehbuch stammte nicht von ihm). Die Szene solle zeigen, dass die Protagonistin einsam ist. Gitarrespielen ist aber nicht unbedingt ein Zeichen für Einsamkeit. Gewiss hat der Autor an Einsamkeit gedacht, als er sich das musizierende Mädchen vorgestellt hat; filmsprachlich gesehen sagt diese Szene nicht das aus, was der Ursprung des Gedankens war. Darauf muss ein Skript Doktor hinweisen. »Dein Film sagt nicht das aus, was du glaubst, dass er aussagt.« Wie also zeigt man filmsprachlich „korrekt“, dass jemand einsam ist? Dafür gibt es unendlich viele Möglichkeiten, aber sie alle müssen ein wesentliches Element beinhalten: den Gegensatz zu „Geselligkeit“. Wenn dein Film niemals zeigt, was Geselligkeit ist, wird der Gegensatz thematisch nicht darstellbar sein. Das Prinzip ist einfach: du kannst nur zeigen, dass jemand kleinwüchsig ist, wenn er mit normal- oder großgewachsenen Figuren zugleich auftritt. Ich nenne dieses Prinzip »think negative!«

 

Kann man also nun im Dialog zwischen Autor und Skript Doktor aus einem schlechten Drehbuch ein gutes machen? – Man kann. Das hat die Filmgeschichte bewiesen: auch aus einer schlechten Story lässt sich ein guter Film machen, ebenso, wie man eine gute Story vollkommen versauen kann. Viele naive Anfänger glauben, dass mit der Idee und der Story zu einem Film bereits das Wesentliche geleistet sei. Dem ist überhaupt nicht so. Film ist im Wesentlichen eine Übersetzungsleistung. Gedanken werden idealerweise in faszinierende Bilder – oder wie ich sage: Skulpturen aus Licht und Zeit – übersetzt. Wenn wir nach einem gelungenen Filmabend aus dem Kino gehen, so haben wir faszinierende Momente und nicht die Story im Kopf. Hat also dein Drehbuch das Potenzial solche magischen Momente hervorzubringen, so wird es der Skript Doktor finden und gemeinsam mit dir entwickeln.

 

Es ist empfehlenswert, möglichst früh einen Skript Doktor zurate zu ziehen. Oftmals kann der Skript Doktor nämlich, wenn er mit einem fertigen Skript konfrontiert ist, nur noch sagen: »zurück an den Start!« Wer sich für die Arbeit eines Skriptdoktors interessiert und vielleicht lernen möchte, wie man seine eigenen „Patienten“ versorgt, für den habe ich ein Buch geschrieben, das man unter diesem Link bestellen kann. Außerdem gibt es natürlich wieder unsere extrem günstige online-Kursreihe, in der Schritt für Schritt in die Filmsprache eingeführt wird, wie immer mit einem kostenlosen Einsteigermodul zum Schnuppern. Zu einer Übersicht meines Angebotes geht's hier.

 

Die Kunst eines Skriptdoktors ist leider nicht ganz so simpel, wie es uns viele Filmlehrbücher vermitteln, aber sie ist durchaus erlernbar. Ich freue mich auf viele neue künftige Berufskollegen.

 

cinephile Grüße

Euer Vienna Filmcoach

Ip

 

 

 

 

 

Dienstag, 29. Dezember 2020 15:22 Uhr

Charaktere als Zeichen - Ein Kapitel aus meinem neuen Buch

Charaktere als Zeichen

 

Schriftzeichen werden im Englischen auch „characters“ genannt. Das griechische Wort, von dem „Charakter“ abstammt, bezeichnet ein Prägeinstrument, mit dem Zeichen eingraviert werden können. Charaktere sind Schriftzeichen. Jedenfalls im Film. Der Sheriff steht für Recht und Ordnung, so wie es etwa das chinesische Schriftzeichen 法 tut. Werden Charaktere falsch gebraucht, so ist das wie schlechte Orthographie, die den Text oft unleserlich macht. Charaktere, die im Verlauf einer Filmhandlung ihre Eigenheiten einbüßen, werden als schlechter Text empfunden. Beispielsweise die enorm erfolgreiche HBO-Serie Game of Thrones verlor all ihren Glanz, als die Autoren sich - nach einem hirnverbrannten Trend in der Filmindustrie - darauf versteiften „Erwartungen zu untergraben“ („subvert expectations“). So wurde etwa der kleinwüchsige, pfiffige Lebemann Tyrion Lannister in der letzten Staffel zum ratlosen Verlierer und sogar zum Verräter, was ihn als Charakter plötzlich unleserlich machte. Die ganze Serie verlor mit einem Male ihre Faszination, denn auch viele andere Charaktere wurden ähnlich „untergraben“.

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Der große Philosoph Sir Roger Scruton meinte, dass man Mythen nicht beliebig erfinden kann. Mythen sind Beschreibungen des Jenseitigen mit den Mitteln der Welt. Was immer über die Welt des Metaphysischen, des Transzendenten, des Abstrakten gesagt werden kann, der Mythos beweist, dass man sehr wohl etwas darüber sagen kann und dass dieses Etwas sogar richtig oder falsch sein kann. Denn eine Geschichte wird nur dann zum Mythos, wenn sie als wahrhaftig empfunden wird. Letztlich wird die Historie darüber entscheiden, was bleibt und was vergessen wird. 

 

Wir haben bereits erörtert, inwiefern Charaktere in Filmen hinsichtlich ihrer Schnittstellenfunktion dekodiert werden können. Ein Film-Ereignis wie „der Sheriff fällt auf die Nase“ kann auch als „das Gesetz fällt auf die Nase“ gelesen werden, wie immer man das auch auslegen mag. 

 

Charaktere in Filmen sind idealerweise Repräsentanten aller in einer bestimmten Thematik relevanten Aspekte. Sie verkörpern Konzepte, Prinzipien, Eigenschaften - manchmal auch Mentalitäten oder soziale und politische Positionen. Ein gutes Beispiel hierfür ist der Film Stagecoach, der bei uns unter dem Titel  Ringo lief. Es ist dies der erste Western, den der legendäre John Ford mit seinem künftigen Lieblingsstar John Wayne drehte. Der Film handelt von einer Postkutschenfahrt durch gefährliches Territorium. Die Insassen der Kutsche repräsentieren die wesentlichen Charakteristika der sich selbst findenden amerikanischen Nation. Im Zentrum der Handlung steht der von John Wayne gespielte Ringo, der alle Eigenschaften eines „guten Amerikaners“ repräsentiert. Er ist bodenständig, optimistisch, hilfsbereit und greift im Dienste der Gerechtigkeit auch mal gern zur Waffe. Er empfindet sich selbst als Underdog, glaubt aber, dass er sich aller Widrigkeiten zum Trotz ein Leben als ehrlicher Farmer aufbauen kann. Ihm zur Seite ist die „Nutte mit dem goldenen Herzen“, ein weiterer Underdog, die glaubt, für Ringo zu schlecht zu sein. Und noch ein Underdog ist mit von der Partie: der ewig besoffene Arzt Doc Boone, der seine Praxis aufgegeben hat und vor der Scheinmoral der Kleinstadt auf der Flucht ist. Er verliert sein Herz an einen fahrenden Whiskeyhändler; das heißt, nicht an ihn selbst sondern an seine Warenkollektion. Auf der Flucht ist auch der Banker Gatewood, der einen Koffer voll unterschlagenem Geld mit sich führt. Und dann ist da noch ein notorischer Glücksspieler, der sich als Kavalier gegenüber einer Dame der besseren Gesellschaft versucht und ihr, die sie schwanger und auf der Suche nach ihrem Gatten, einem Kavallerieoffizier, ist, seinen Schutz anbietet. Die Kutsche wird von einem freundlichen Einfaltspinsel gelenkt, an dessen Seite der Sheriff für Recht und Ordnung sorgt. Auf diesen Pfeiler ruht also die Nation: Underdogs, Nutten, Glücksspieler, korrupte Banker, Snobs, ehrliche Kleinhändler, einfältige Führer, gewiefte Gesetzeshüter - ein buntes Sittenbild, das so falsch nicht sein kann, denn der Film wurde ein großer Erfolg und ist bis heute ein Kultklassiker. 

 

Charaktere können in Filmen zwei wesentlichen Funktionen genügen. Zum einen können sie dazu beitragen, dass die Problemstellung des Films verstärkt und verdeutlicht wird - wir nennen das Problemaugmentierung - , zum anderen können sie etwas zur Atmosphäre beitragen, indem sie beispielsweise Lokalkolorit vermitteln. Im Grunde dienen alle funktionalen Charaktere der Problemaugmentierung, egal ob sie positiv oder eher negativ gezeichnet sind. Wir nennen das auch das Drache-Prinzessin-Prinzip: wenn der edle Ritter die holde Prinzessin vor dem bösen Drachen retten soll, so gilt, je schrecklicher der Drache und je holder die Prinzessin, um so größer das Problem für den edlen Ritter, denn das eine erhöht die Gefahr, das andere den Druck zu handeln. Wir können somit für jede Figur den „Problemaugmentierungsfaktor“ („PAF“) benennen: 

 

  • Prinzessin: hilflos und hold
  • Drache: lebensgefährlich
  • Ritter: ?

 

Ja, was zeichnet den Ritter aus? Er ist derjenige, der handeln muss; der seine Handlung nicht delegieren kann. Er ist das Vehikel für unser empathisches Erleben der Handlung. Wir werden darüber mehr erfahren, wenn wir die Rolle des Helden in einer Geschichte erörtern.

Montag, 23. März 2020 10:46 Uhr

Semiotik - gibt’s die überhaupt?

Semiotik: das ist die Welt der Zeichen. Semiologie: die wissenschaftliche Klassifizierung der Zeichen und ihrer soziologischen Bedeutung. An den meisten Europäischen Medienakademien und Filmschulen wird Semiotik als etwas Selbstverständliches unterrichtet. Die Werke des französischen Pop-Philosophen Roland Barthes gehören dabei zur Pflichtlektüre. Für lange Zeit habe ich das alles nicht hinterfragt. Erst relativ spät erkannte ich, dass es auf dem Gebiet der Zeichenlehre durchaus unterschiedliche Auffassungen gibt.

Semiotik

 

Mittwoch, 01. Januar 2020 09:00 Uhr

Ich will schreiben aber ich tu`s nicht. Wie komm ich da raus?

Wohl die meisten Schriftsteller kennen das Phänomen des „writing blocks“ oder „writer’s block“, einer inneren Blockade, die jegliches Schreiben und jeglichen kreativen Fortschritt unterbindet. Dafür mag es psychologisch erklärbare Gründe geben. Wenn man phasenweise an diesem Phänomen leidet, dann kann man hoffen, dass es von selbst weggeht. Was aber, wenn ich schreiben möchte und noch nie einen Buchsraben auf’s (elektronische) Papier gebracht habe?

Freitag, 18. Oktober 2019 15:38 Uhr

Was ist ein dramaturgisches Problem und wie löst man es?

Ein Obdachloser versucht eine Straße zu überqueren, auf der Autos im Stau stecken. Ein besonders luxuriöser Schlitten versperrt ihm dabei den Weg, sodass er kurzerhand frech die eine Wagentüre aufmacht, über die Hinterbank rutscht, die andere Türe öffnet und so hinaus an den Gehsteig gelangt. Dort sitzt ein blindes Bettlermädchen. Sie hört das Zuschlagen der Autotüre und ist sich dessen bewusst, dass hier gerade jemand aus einem Wagen der feinen Gesellschaft ausgestiegen ist...

Ip Wischin und Sir Roger Scruton
Freitag, 05. Juli 2019 09:00 Uhr

Was ich über den Sommer mache

Meine kleine Filmschule macht jetzt über die Sommermonate dicht und ich werde mich nach England begeben, um bei dem großen Denker Sir Roger Scruton mein Philosophiestudium wieder aufzunehmen. Wie viele von euch wissen, habe ich eines seiner Bücher ins Deutsche übersetzt und besuche ihn regelmäßig.

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