Charaktere als Zeichen - Ein Kapitel aus meinem neuen Buch

Charaktere als Zeichen

 

Schriftzeichen werden im Englischen auch „characters“ genannt. Das griechische Wort, von dem „Charakter“ abstammt, bezeichnet ein Prägeinstrument, mit dem Zeichen eingraviert werden können. Charaktere sind Schriftzeichen. Jedenfalls im Film. Der Sheriff steht für Recht und Ordnung, so wie es etwa das chinesische Schriftzeichen 法 tut. Werden Charaktere falsch gebraucht, so ist das wie schlechte Orthographie, die den Text oft unleserlich macht. Charaktere, die im Verlauf einer Filmhandlung ihre Eigenheiten einbüßen, werden als schlechter Text empfunden. Beispielsweise die enorm erfolgreiche HBO-Serie Game of Thrones verlor all ihren Glanz, als die Autoren sich - nach einem hirnverbrannten Trend in der Filmindustrie - darauf versteiften „Erwartungen zu untergraben“ („subvert expectations“). So wurde etwa der kleinwüchsige, pfiffige Lebemann Tyrion Lannister in der letzten Staffel zum ratlosen Verlierer und sogar zum Verräter, was ihn als Charakter plötzlich unleserlich machte. Die ganze Serie verlor mit einem Male ihre Faszination, denn auch viele andere Charaktere wurden ähnlich „untergraben“.

 p6HcGljJCB3H-ECGGu11ELZ15ya63S7yAGvo2IGltZI.png

Der große Philosoph Sir Roger Scruton meinte, dass man Mythen nicht beliebig erfinden kann. Mythen sind Beschreibungen des Jenseitigen mit den Mitteln der Welt. Was immer über die Welt des Metaphysischen, des Transzendenten, des Abstrakten gesagt werden kann, der Mythos beweist, dass man sehr wohl etwas darüber sagen kann und dass dieses Etwas sogar richtig oder falsch sein kann. Denn eine Geschichte wird nur dann zum Mythos, wenn sie als wahrhaftig empfunden wird. Letztlich wird die Historie darüber entscheiden, was bleibt und was vergessen wird. 

 

Wir haben bereits erörtert, inwiefern Charaktere in Filmen hinsichtlich ihrer Schnittstellenfunktion dekodiert werden können. Ein Film-Ereignis wie „der Sheriff fällt auf die Nase“ kann auch als „das Gesetz fällt auf die Nase“ gelesen werden, wie immer man das auch auslegen mag. 

 

Charaktere in Filmen sind idealerweise Repräsentanten aller in einer bestimmten Thematik relevanten Aspekte. Sie verkörpern Konzepte, Prinzipien, Eigenschaften - manchmal auch Mentalitäten oder soziale und politische Positionen. Ein gutes Beispiel hierfür ist der Film Stagecoach, der bei uns unter dem Titel  Ringo lief. Es ist dies der erste Western, den der legendäre John Ford mit seinem künftigen Lieblingsstar John Wayne drehte. Der Film handelt von einer Postkutschenfahrt durch gefährliches Territorium. Die Insassen der Kutsche repräsentieren die wesentlichen Charakteristika der sich selbst findenden amerikanischen Nation. Im Zentrum der Handlung steht der von John Wayne gespielte Ringo, der alle Eigenschaften eines „guten Amerikaners“ repräsentiert. Er ist bodenständig, optimistisch, hilfsbereit und greift im Dienste der Gerechtigkeit auch mal gern zur Waffe. Er empfindet sich selbst als Underdog, glaubt aber, dass er sich aller Widrigkeiten zum Trotz ein Leben als ehrlicher Farmer aufbauen kann. Ihm zur Seite ist die „Nutte mit dem goldenen Herzen“, ein weiterer Underdog, die glaubt, für Ringo zu schlecht zu sein. Und noch ein Underdog ist mit von der Partie: der ewig besoffene Arzt Doc Boone, der seine Praxis aufgegeben hat und vor der Scheinmoral der Kleinstadt auf der Flucht ist. Er verliert sein Herz an einen fahrenden Whiskeyhändler; das heißt, nicht an ihn selbst sondern an seine Warenkollektion. Auf der Flucht ist auch der Banker Gatewood, der einen Koffer voll unterschlagenem Geld mit sich führt. Und dann ist da noch ein notorischer Glücksspieler, der sich als Kavalier gegenüber einer Dame der besseren Gesellschaft versucht und ihr, die sie schwanger und auf der Suche nach ihrem Gatten, einem Kavallerieoffizier, ist, seinen Schutz anbietet. Die Kutsche wird von einem freundlichen Einfaltspinsel gelenkt, an dessen Seite der Sheriff für Recht und Ordnung sorgt. Auf diesen Pfeiler ruht also die Nation: Underdogs, Nutten, Glücksspieler, korrupte Banker, Snobs, ehrliche Kleinhändler, einfältige Führer, gewiefte Gesetzeshüter - ein buntes Sittenbild, das so falsch nicht sein kann, denn der Film wurde ein großer Erfolg und ist bis heute ein Kultklassiker. 

 

Charaktere können in Filmen zwei wesentlichen Funktionen genügen. Zum einen können sie dazu beitragen, dass die Problemstellung des Films verstärkt und verdeutlicht wird - wir nennen das Problemaugmentierung - , zum anderen können sie etwas zur Atmosphäre beitragen, indem sie beispielsweise Lokalkolorit vermitteln. Im Grunde dienen alle funktionalen Charaktere der Problemaugmentierung, egal ob sie positiv oder eher negativ gezeichnet sind. Wir nennen das auch das Drache-Prinzessin-Prinzip: wenn der edle Ritter die holde Prinzessin vor dem bösen Drachen retten soll, so gilt, je schrecklicher der Drache und je holder die Prinzessin, um so größer das Problem für den edlen Ritter, denn das eine erhöht die Gefahr, das andere den Druck zu handeln. Wir können somit für jede Figur den „Problemaugmentierungsfaktor“ („PAF“) benennen: 

 

  • Prinzessin: hilflos und hold
  • Drache: lebensgefährlich
  • Ritter: ?

 

Ja, was zeichnet den Ritter aus? Er ist derjenige, der handeln muss; der seine Handlung nicht delegieren kann. Er ist das Vehikel für unser empathisches Erleben der Handlung. Wir werden darüber mehr erfahren, wenn wir die Rolle des Helden in einer Geschichte erörtern.

Mit der weiteren Nutzung unserer Webseite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden um Ihnen die Nutzerfreundlichkeit dieser Webseite zu verbessern.